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Ist Knigge noch zeitgemäß?

Gedanken zum Umgang mit Menschen

Deutschland im Jahre 1960. Der Herr führt die Dame zum Abendessen aus. Angemessen gekleidet, öffnet er ihr den Verschlag vom Auto vor der Haustür und hilft ihr beim Aussteigen vor dem Restaurant. Er hält ihr die Eingangstür auf und kümmert sich um Ihre Garderobe. Er rückt ihr den Stuhl zurecht, macht Komplimente. Ganz im Sinne von Adolph Freiherr Knigge erhebt er sich, wenn Sie sich vom Tisch entfernen möchte und auch, wenn Sie zurückkehrt. Nach einem entspannten und ruhigen Abend bittet er schließlich um die Rechnung – und bezahlt.

Deutschland im Jahre 2013. Abendessen ist angesagt, zur Abwechslung gemeinsam. Er sitzt schon am Tisch und studiert die Speisekarte. Knigge hält er für ein neues Modelabel. Er bleibt auch dann noch sitzen, als Sie mit einer halben Stunde Verspätung ankommt – macht ja auch nichts, zuletzt war er selbst zu spät dran. Für Komplimente bleibt keine Zeit, weil abwechselnd auf ihrem und auf seinem Handy die neuesten Nachrichten bearbeitet werden müssen. Nebenbei wird gegessen. Als Sie sich vom Tisch entfernt, dreht Er sich um und fragt am Nachbartisch nach der Uhrzeit – sein Handy-Akku ist leer. Nach einem rasanten Abend fragt Er noch, was Sie überhaupt gegessen hat, Sie weiß es nicht mehr und bittet schließlich um die Rechnung – die Er bezahlen muss.

Was gestern noch als höflich galt, ist heute verpönt

Nun gut. Die Zeiten haben sich geändert, das Leben ist hektischer geworden, die Emanzipation hat nicht nur Spuren, sondern tiefe Furchen hinterlassen. Wer sich als Mann anschickt, im Sinne von Knigge einfach nur höflich zu sein, läuft zuweilen Gefahr, richtig Ärger zu bekommen. Das Offenhalten der Tür kann da schon mal als Vorwand gedeutet werden, um Ihr auf den Allerwertesten zu schauen, was dann knapp an der Grenze zur sexuellen Belästigung einzuordnen wäre – oder auch jenseits davon. Das Handy auszuschalten, um einfach nur einen ruhigen Abend zu genießen, kommt für beide nicht infrage – sie könnten ja etwas verpassen. Was einst (nicht nur von Knigge) als höflich und zuvorkommend ausdrücklich begrüßt und für selbstverständlich gehalten wurde, wird heute oft als Anbiederung oder als „Macho-Gehabe“ missverstanden, oder will als solches missverstanden werden. Was das Verhältnis zwischen Frau und Mann angeht, hat der Prozess der Gleichberechtigung ganze Arbeit geleistet und ist gar so weit übers Ziel hinaus geschossen, dass mancher Mann heute nicht mehr weiß, ob ihm beim Aufhalten der Tür womöglich Ungemach droht. Im Ergebnis hält sich Mann überwiegend stark zurück, was dann von Frau aber so auch nicht gewollt ist – aber das ist ein anderes Thema. Ist Knigge also noch zeitgemäß? Ja – und nein.

Auf die Haltung kommt es an

Knigge ist zeitgemäß, weil es in seiner 1788 erstmals veröffentlichten Abhandlung (Originaltitel: „Über den Umgang mit Menschen“) eben nicht (nur) um althergebrachte Rollenverteilungen geht, sondern vor allem um den Konsens rücksichtsvoller Umgangsformen und um gegenseitigen Respekt. Deswegen ist Knigge zugleich nicht mehr zeitgemäß, denn mit dem gegenseitigen Respekt (und auch mit der Rücksicht) ist es heute so eine Sache. Wenn Menschen, die einst Vorbildfunktionen ausfüllten – Politiker etwa -, ganz selbstverständlich ihre Gesprächspartner in aller Öffentlichkeit beleidigen können, ohne dass es jemanden stört, dann hilft auch Knigge nicht mehr weiter.

Andererseits ist Knigge nicht mehr zeitgemäß, weil sich die Zeiten eben geändert haben. War der Anzug als gesellschaftlich anerkanntes Kleidungsstück des Mannes noch vor nicht allzu langer Zeit im Geschäftsleben ein absolutes Muss, so wird der Individualität heute ein großer Freiraum gewährt. Es geht auch ohne Krawatte, wenn es denn passt – und ob es passt, hängt wiederum vom Anlass ab. Überhaupt werden Verhaltensregeln immer häufiger der jeweiligen Umgebung angepasst, was angesichts des permanenten Zusammentreffens unterschiedlicher Kulturen aus aller Welt auch gar nicht anders möglich ist. In vielerlei Hinsicht ist Knigge also nicht mehr zeitgemäß, und zugegeben ist mit der Auflösung der klassischen Rollenverteilung zwischen Frau und Mann vieles von dem obsolet geworden, was zu Zeiten von Knigge noch von höchster Bedeutung war. Was indes an Knigge unverändert zeitgemäß ist – oder zumindest sein sollte -, ist die jedem Verhalten zugrundeliegende Haltung des Menschen, die auf Tugenden beruhen sollte, denen in der Hektik des Alltags heute oft nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Höflichkeit, gegenseitige Achtung, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme. Eben darum geht es Knigge im Kern seiner Abhandlungen auch – und in diesem Sinne ist Knigge nicht nur unverändert zeitgemäß, sondern sollte vielmehr für jeden selbstverständlich sein. Mit Gleichberechtigung hat das dann nur noch insofern zu tun, als es um die Gleichberechtigung der Menschen an sich geht – und nicht um das Missverständnis der um scheinbar jeden Preis erzwungenen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die nun mal sind, wie sie sind: Nämlich grundlegend unterschiedlich.